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Jury 2011

Bewerbungen für den Hessischen Fernsehpreis nimmt die gemeinsame Geschäftsstelle der Hessischen Filmförderung entgegen. Die Bewerbungsunterlagen müssen bis spätestens 16. Juli 2012 in kompletter Ausführung vorliegen. Weitere Details entnehmen Sie bitte dem Reglement.

Reglement / Bewerbungsformular als Download: Fernsehpreis_Bewerbungsformular Fernsehpreis_Fördermemo Fernsehpreis_Reglement

Die Preisträger:

Hessischer Fernsehpreis 2011

Beste Darstellerin: Lena Lauzemis
Ausgezeichnet für ihre Rolle in
„Wer wenn nicht wir“
(Regie: Andres Veiel, Deutschland 2011, Zero One Film)

Jurybegründung: Mit der forschenden Erkundung der schon in die Historie entschwundenen Figur Gundrun Ensslin hat Lena Lauzemis einen überzeugenden Beitrag zur Menschen- und Landeskunde geleistet. Sie hat sich dieser fernen Gestalt, die von Bildern, Klischees und Verurteilungen zugestellt ist, angenommen und ihr die Jungfräulichkeit des Beginnens zurückerobert. Wie lebt sich jemand in den Terror hinein? Wie schneidet jemand das eigene frühere Leben blutig ab wie ein lästiges Bein? Wie wird jemand ein ganz Anderer? Wie kommt es, dass sich jemand einer fanatischen und extremen Ideologie hingibt? Lena Lauzemis hilft uns, diese Fragen zu beantworten, indem sie die innere Bewegung und Biografie deutlich macht. Diesen unheimlichen Veränderungs- und Versteinerungsprozess der Gudrun Ensslin macht Lena Lauzemis greifbar, ohne bloß die Copy-und-Paste-Taste zu drücken. In ihrer Darstellung spürt man die eigene Entdeckerlust, sie verwandelt ihre Neugier, ihren Forschergeist, ihren Menschenhunger in die brennende Ungeduld einer Frau, die damals an den Verhältnissen litt und sich radikalisierte. Diesen inneren Radikalisierungsprozess hat Lena Lauzemis ungemein glaubwürdig erspielt, transparent gemacht, ohne nur eine Charaktermaske aufzusetzen. Man spürt, wenn man sie spielen sieht, den Atem der Geschichte, den sie zu ihrem eigenen macht. Schritt für Schritt, Geste für Geste, Tat für Tat führt sie uns vor, wie sich jemand ins Eisige, ins Kalte vortastet und dabei glaubt, dem Menschen nahezukommen. Diese Selbsttäuschung, diese Verblendung zu zeigen und sie zugleich auszustellen, ohne sich über sie zu erheben, ohne sie billig anzuprangern, hat Lena Lauzemis meisterlich geschafft. Ihr Menschenporträt ist große Schauspielkunst, ist archäologische Verlebendigungskunst.




Beste Darsteller: Justus von Dohnányi
Ausgezeichnet für seine Rolle in „Tatort – Eine bessere Welt“
(Regie: Lars Kraume, Deutschland 2011, HR)

Jurybegründung: Das ist ein merkwürdiger Fall, ein merkwürdiger Film und Krimi. Da gibt es keinen Mord, keine handelsüblichen Verdächtigen und dennoch schlägt uns die Geschichte in ihren Bann. Woran liegt das? Klar, auch an den neuen „Tatort“-Kommissaren Nina Kunzendorf und Joachim Król, doch diese beiden, die gerade ihren TV-Dienst antreten, werden Opfer eines dreisten Diebes. Der forsche Aufmerksamkeitsräuber heißt Justus von Dohnányi. Aber halt! Dieser Mann ist kein gemeiner Dieb, denn was er spielt, zahlt er tausendfach zurück, den Kollegen, dem Film, uns, den Zuschauern. Die Energie, mit der der Schauspieler das Wahngebäude eines Mannes, der sich in eine Idee verrennt, erarbeitet ist beeindruckend, vor allem auch deshalb, weil er es nicht bloß mit gesteigerter Expression versucht, sondern die ganze Klaviatur der Seelenverwirrung anbietet. Es mag virtuos sein, wie er diesen seelisch kranken Menschen Sven Döring spielt, auch spektakulär, aber er macht das auf eine so dicht-dringliche Art und Weise, dass wir keine Nuance seiner Spielkunst missen möchten. Dass wir uns in die abgründigsten Figuren einfühlen können, Einblick nehmen können in die dunkelsten Seelenbezirke, verdanken wir ihm. Es ist schon ein Kunststück zwischen so präsenten Schauspielern wie Nina Kunzendorf und Joachim Król bestehen zu können, die zudem noch wuchtige Typen spielen. Das Kunststück wird auch nicht kleiner, wenn man bedenkt, dass Justus von Dohnányi nicht gerade eben die Ich-schließ-dich-mal-ins-Herz-Rolle spielt. Nein, er spielt einen vom eigenen Wahn fanatisierten Kleinbürger, der andere terrorisiert, quält und drangsaliert. Diese Rolle enthält ein hohes Risikopotenzial, eine große Gefahr des Scheiterns. Zu eindeutig, zu offenkundig scheint dieser Typ gebaut. Doch Justus von Dohnányi spielt ihn mit Falltüren, Rätseln, Reserven, mit Verhaltungskünsten, mit vielfältigen Intensitätsgraden. Dass dieser “Tatort” im Gedächtnis bleibt, dass er zum gelungenen Entrée für zwei neue Ermittler geworden ist, verdankt er dem Dieb, Verzeihung, dem artistischen Psychologen Justus von Dohnányi.




Sonderpreis Ensemble: Jördis Triebel, Andreas Schmidt, Devid Striesow
Ausgezeichnet für ihre Rollen in „Ein guter Sommer“
(Regie: Edward Berger, Deutschland 2011, HR)

Jurybegründung: Diese fabelhaften Drei haben es verdient, dass man eine Ausnahme macht, dass man die Statuten erinnert, dass sie für uns und nicht wir für sie da sind, dass man einen Preis vergibt, der nur in besonderen, seltenen Fällen vergeben wird: Den Sonderpreis Ensemble. Ja, um Himmels Willen, wozu denn noch einen Preis? Viel zu schnell, so findet die Jury, wird etwas als „preisverdächtig“ beschrieben. Sie hat deshalb genau hingesehen, mehr als einmal geschaut und sorgfältig überlegt. Das was uns Andreas Schmidt, Jördis Triebel und Devid Striesow in diesem Film anboten, ist - in dieser Konstellation und Güte - so selten im deutschen Fernsehen zu sehen, dass es fahrlässig gewesen wäre, diese Leistung, die für andere Anregung und Ansporn sein mag, unter den Jurytisch fallenzulassen. Es gibt oft genug die Stars und Solisten, auch überzeugende Duette sind häufig zu sehen, aber drei nahezu gleichberechtigt agierende, sich ergänzende, sich bereichernde Schauspieler sieht man nur selten. Dazu bedarf es nicht nur eines glänzenden Buches und eines Regisseur, der simultan sehen und fordern kann, sondern es braucht drei Typen, drei Anverwandlungskünstler und Ensemblespieler, die sich nicht im Wege stehen, sondern die gemeinsam den Erzählfaden aufnehmen und ihn fortspinnen. Diese fabelhaften Drei – Schmidt, Triebel und Striesow – machen uns lachen und weinen in dieser berührenden Tragikomödie. Sie agieren als Gefühlsmixer, denn der Zuschauer fragt sich, ob er nun feuchte Augen vom Lachen oder Weinen hat, vom Mitleiden oder Mitfreuen. In diesem Film erleben wir drei Menschen, die, jeder auf seine ungewöhnliche Art und Weise, aus dem Leben fallen und diese drei Schauspieler machen die Engführung dieser drei Lebensläufe, die sich für einen Sommer zu einem Lebensstrom verbinden, ganz plausibel und nachvollziehbar. Die Figuren erleben Augenblicke von höchstem Glück und tiefster Verzweiflung und wir erleben, wie die Schauspieler hinter diesen Augenblicken verschwinden, weil sie selbst sich vor dem Erleben ihrer Figuren verbeugen. Das ist die höchste Schauspielkunst: Etwas durch Demut ganz an sich ziehen, es aufgeben, es loslassen und es uns zu schenken. Wer schaut schelmisch-melancholischer als Andreas Schmidt, wer liebt impulsiver als Jördis Triebel ihre Figuren lieben lässt und wer ist als Harlekin unberechenbarer und launisch-lustiger als Devid Striesow? Wenn dieser Film vorbei ist, ist er nicht vorbei. Denn seine Geschichte hat sich tief in unser Leben erzählt, weil sich diese drei Schauspieler auf Herzerschließungskünste verstehen. Sie haben uns glauben gemacht, dass es sich lohnen kann, dass Leben zum umarmen, auch wenn das Leben uns gerade loslässt. Diese innigen Momente verdanken wir diesem Trio, für das wir, die Jury, deshalb unsere ganze preisinnovatorische Kraft aufgeboten haben: Der Sonderpreis Ensemble geht an Andreas Schmidt, Jördis Triebel und Devid Striesow.